01.07.2026_PA: Aufrecht statt gerädert – eine Woche für die Frauengesundheit
Frauengesundheit gilt oft als Privatsache – als Frage von Ernährung, ein bisschen Sport und etwas mehr Achtsamkeit. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Wie es Frauen gesundheitlich geht, hängt davon ab, wie eine Gesellschaft Arbeit, Sorge und Zeit verteilt. Genau hier setzte die Europäische FrauenSommerakademie an.
Vom eigenen Körper zur gesellschaftlichen Frage
Den Auftakt machten intensive Theater- und Empowerment-Workshops mit Dr. Laura Berkemeyer, Arbeits- und Gesundheitspsychologin und Improvisationsschauspielerin aus Münster. Spielerisch und körperlich erkundeten die Teilnehmerinnen, wo sie an Grenzen kommen – und übten beides: bewusst Ja zu sagen und auf andere einzugehen, aber ebenso klar Nein zu sagen. Martha Scholz-Resch, Geschäftsführerin des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums (BBRZ) in Österreich, zeigte mit Daten aus mehreren Ländern, wie ungleich Gesundheitsrisiken verteilt sind. Die Sozialethikerin Dr. Magdalena Holztrattner spürte den Zusammenhängen von Mental Load, Patriarchat und Kapitalismus nach, und Liska Beulshausen (Wirtschaft ist Care e.V.) fragte, wie eine Wirtschaft aussähe, die das Sorgen ins Zentrum stellt. Immer wieder ging es um die unbezahlte Sorge- und Care-Arbeit – die Gesundheit stiften und erfüllend sein kann, aber ebenso krank macht, wenn sie unsichtbar bleibt.
Begegnungen, die bewegen
Besonders eindrücklich waren die Begegnungen mit Geschichte. Bei einer Exkursion ins Ruhrgebiet trafen die Frauen die Zeitzeugin Marianne Kaiser und hörten die Geschichte der „Heinze-Frauen“, die sich Ende der 1970er-Jahre organisierten und – mit dem Rückhalt ihrer Gewerkschaft – vor Gericht gleichen Lohn erstritten. Marianne Kaiser war wichtig zu betonen: Erreicht wurde das nicht durch einzelne starke Frauen, sondern durch gemeinsames Organisieren und gewerkschaftliche Solidarität.
Auf den Spuren der Essener Sozialistin und Bewegungslehrerin Dore Jacobs, die schon vor 100 Jahren Körperbildung, Gerechtigkeit und Frauenrechte zusammendachte, war die Bewegungspädagogin und Ausstellungskuratorin Gerburg Fuchs eine wichtige Begleiterin: Sie gestaltete einen Praxis-Workshop mit Bewegungsübungen und führte die Gruppe durch die Ausstellung „Essen in Bewegung“.
„Ich sehe meine Gesundheit jetzt stärker als gesellschaftliche, nicht nur private Frage“, unterstrichen mehrere Teilnehmerinnen in der Abschlussreflexion Genau dieser Perspektivwechsel war eines der Ziele.
Was bleibt
Die Woche endet nicht mit dem Abreisetag: Mehrere Teilnehmerinnen haben sich zusammengeschlossen, um zum Internationalen Aktionstag für Frauengesundheit am 28. Mai 2027 eine gemeinsame Aktion zu starten. Die Planungen laufen bereits. Aufrecht statt gerädert – mit diesem Bild im Gepäck gingen die Frauen zurück in ihren Alltag.
Foto: Teilnehmerinnen der FrauenSommerakademie beim Zeitzeuginnengespräch mit Marianne Kaiser in Gelsenkirchen
