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14.04.2026_PA: „Soziale Sicherung neu denken: Jobgarantie und Grundeinkommen für die österreichische Arbeitsmarktpolitik“

 

Band 4 der Reihe Bedingungsloses Grundeinkommen in der Debatte in Wien präsentiert – Bedingungsloses Grundeinkommen und Jobgarantie als komplementäre Sozialpolitik zum gegenwärtigen österreichischen Sozialstaat implementieren

 

„Soziale Sicherung, Arbeit und Teilhabe“ thematisiert ein neues Buch, das am Montagabend, 13. April, im Marietta Blau-Saal der Universität Wien präsentiert wurde. 

 

Dass Grundeinkommen und Jobgarantie als notwendige komplementäre Maßnahmen in einer menschenfokussierten Arbeitsmarktpolitik gesehen werden müssen, stellten die beiden Diskutanten Karl Immervoll und Lukas Lehner unisono fest. Das Entweder-Oder, oft von außen den beiden Modellen angelastet, sei zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt gewesen. Vielmehr braucht es eine Implementierung der Erfahrungen sowohl von grundeinkommensorientierten als auch von an Jobgarantiemodellen ausgerichteten Experimenten und Modellen in die österreichische Arbeitsmarktpolitik.

 

Laut Lehner hat Österreich seit den 1990er Jahren seine aktive Arbeitsmarktpolitik massiv ausgebaut, insbesondere bei den Qualifikationsangeboten. Während also die Ausgaben für Qualifikation und Weiterbildung stark gestiegen sind, wurden andere Maßnahmen zur direkten Beschäftigung benachteiligter Gruppen vernachlässigt. 

 

Lukas Lehner ging in seiner Studie, die er im präsentierten Band 4 der Reihe „Bedingungsloses Grundeinkommen in der Debatte“ ausführlich darstellt, der Frage geeigneter Maßnahmen für langzeitarbeitslose Menschen nach. Also, was diejenigen wollen, die am meisten davon betroffen wären.

 

Nach Lehners Studienergebnissen finden sowohl Jobgarantie als auch das Grundeinkommen breite Unterstützung unter den Befragten (60-80%), wenn auch die Zustimmung zur Jobgarantie durchweg höher ausfällt. So steigt die Bereitschaft, garantierte Jobs anzunehmen, besonders dann deutlich an, wenn die vorgesehenen Zahlungen knapp über dem durchschnittlichen Arbeitslosengeld liegen. Dies deutet darauf hin, dass viele Menschen bereit sind, selbst für relativ geringe finanzielle Vorteile zu arbeiten. 

 

In der Diskussion mit dem Publikum kam die Frage auf, warum das AMS in Österreich so stark auf Trainings setzt, während andere Länder wie Dänemark und Schweden mehr in direkte Beschäftigungsförderung investieren. Noch dazu konnte in der Evaluierung des Jobgarantieprojekts in Marienthal entnommen werden, dass es de facto seitens staatlicher Fördermaßnahmen kaum zu Mehrkosten kam, im Gegenteil, die pro Kopf Förderquote mit der Dauer der Maßnahme merklich abgenommen hatte. Das Projekt wurde nach drei Jahren nicht weitergeführt. Es fehlte am politischen Willen. 

 

Der Buchherausgeber und Autor, Karl A. Immervoll, wies einmal mehr auf die Sackgasse hin, in der sich die österreichische Arbeitsmarktpolitik befindet, indem sie akzeptiert, dass Menschen über Jahre hinweg in Arbeitslosigkeit bleiben. 
Wenn mehr als 400.000 registrierte erwerbsarbeitslose Menschen auf etwa 75.000 verfügbare offene Stellen treffen, liegt es auf der Hand, dass die österr. Arbeitsmarktpolitik mit herkömmlichen Bildungs- und Schulungsmaßnahmen das Ziel, möglichst viele Menschen in Beschäftigung zu bringen, augenscheinlich verfehlt.


Ein weiterer Wermutstropfen ist auch das Kaputtsparen sozialökonomischer Betriebe, die vor allem in nordeuropäischen Ländern, fest zwischen dem privatwirtschaftlichen Markt und dem öffentlichen Sektor verortet sind. Viele Akteur:innen sind gemeinnützig organisiert, doch schaffen sie auch Arbeitsplätze, organisieren Betriebe und tragen zur wirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Die Beispiele aus Nordeuropa zeigen, dass es hier enormes Entwicklungspotential gibt, das in Österreich zum Großteil brach liegt.

 

Für Immervoll kann es kein Weiter wie bisher geben, vielmehr braucht es eine Abkehr von der Kapitalverwertungsstrategie (Dimmel) bei fortgesetzter Zerstörung des Planeten.


Es gilt gemeinsam Grundeinkommen und Jobgarantie weiterzuentwickeln und dabei auf die Fähigkeiten und Notwendigkeiten der einzelnen (erwerbsarbeitslosen) Menschen einzugehen. 

 

Aus dem Publikum kam die Betonung, dass Arbeit als schöpferische Tätigkeit leb- und erlebbar sein müsse und nicht vorrangig als Mühe und Plage. Daher braucht es, will man Menschen in Arbeit bringen, entsprechende Rahmenbedingungen, Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten, soziale Anerkennung und Identifikation mit der Tätigkeit. 


Hier könnte ein Grundeinkommen einen guten Rahmen schaffen und vor allem die Verhandlungsmacht der Schwächsten stärken. Die Jobgarantie bietet für jene, die sich dafür (freiwillig) entscheiden, eine Tagesstruktur, stärkt die soziale Anerkennung und bietet ein verlässliches Einkommen. 

 

Autor:innen des nun präsentierten Bandes 4 der Reihe sind neben Lehner und Immervoll die Theologin und Sozialethikerin an der Universität Innsbruck, Michaela Quast-Neulinger, die Ökonominnen Katharina Mader und Sophie Achleitner, die Solidarökonomie-Experten Markus Blümel und Andreas Exner von der Universität Graz, sowie der Soziologe, Politikwissenschafter und Jurist Nikolaus Dimmel von der Universität Salzburg.

 

Autoren und Podiumsteilnehmer:innen:

Karl Immervoll, Bundesseelsorger der Katholischen Arbeitnehmer:innenbewegung Österreich (KABÖ) und ehemals Betriebsseelsorger im Waldviertel, arbeitete 40 Jahre mit Erwerbsarbeitslosen, vor allem in der Zeit der großen Betriebsschließungen. Er initiierte ein erfolgreiches Grundeinkommensprojekt in Heidenreichstein, bei dem langzeitarbeitslose Menschen ermutigt wurden, sich selbst nach ihren eigenen Fähigkeiten zu fragen, diese weiter zu entwickeln und in die Gesellschaft einzubringen. Er ist zusammen mit dem Salzburger Soziologen und Politikwissenschaftler Nikolaus Dimmel Herausgeber der Reihe „Bedingungsloses Grundeinkommen in der Debatte“ (pro mente edition).

 

Lukas Lehner, ist Assistenzprofessor an der Universität Edinburgh. Forschungsschwerpunkt: wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen in einer sich verändernden Arbeitswelt. Die bearbeiteten Beispiele konzentrieren sich auf Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und Löhne. Studie (mit Maximilian Kasy): Das Recht auf Arbeit. Wirtschaftliche und soziale Auswirkungen einer Jobgarantie (Projekt MAGMA Arbeitsplatzgarantie in Gramatneusiedl/Marienthal). Lukas Lehner hat 2024 seinen PhD an der Universität Oxford abgeschlossen und an MIT, UC Berkeley, LSE und WU Wien studiert. Zuvor arbeitete er für den Chefökonom der OECD und die ILO.


Moderation: Magdalena Holztrattner, Sozialethikerin und Theologin

 

Buch: 
Dimmel/Immervoll (Hg.) Soziale Sicherung, Arbeit und Teilhabe. Bruchlinien der Arbeitswelt und Arbeitsgesellschaft ISBN: 978-3-902724-97-7, pro mente edition, 2025


Die Präsentation von Band 4 „Soziale Sicherung, Arbeit und Teilhabe. Bruchlinien der Arbeitswelt und Arbeitsgesellschaft“ war eine Kooperationsveranstaltung von Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt - BIEN Austria und KABÖ (Katholische Arbeitnehmer:innen Bewegung Österreich)

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