1. Europäischer Sozialkongress der Katholischen Kirche
400 Delegierte aus allen europäischen Ländern kamen zu diesem Kongress. Ich war Mitglied der 15köpfigen österreichischen Delegation. Bei diesem viertägigen Kongress ging es darum welchen Einfluss die Kirche nehmen kann, damit Europa ein soziales Europa wird. Bei den Überlegungen wurde der Blick auf die momentane Wirtschaftskrise gerichtet, die alle europäischen Länder erfasst und es wurde zugleich diese Wirklichkeit auf dem Hintergrund der katholischen Soziallehre
gedeutet - in besonderer Weise mit dem Blick auf die neue Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI.
Auf alle Länder bezogen wurde festgestellt, dass der Mensch in der Neuentwicklung nicht das Ziel, sondern oft nur Mittel der Entwicklung ist. Die Entwicklung muss durch Moral untermauert werden und als Kirche haben wir eine besondere Verantwortung die Moral in die Herzen der Menschen einzupflanzen.
Es wurde beklagt, dass die Kirche zwar eine relativ starke Sensibilität hat für caritative Hilfe, dass sie aber schwach ist, was die Gerechtigkeit anbelangt. Die Gerechtigkeit muss in den Mittelpunkt unserer Betrachtung gerückt werden. Das Reich Gottes, um das es letztlich geht, ist ein Reich der Gerechtigkeit. Die Gleichheit aller Menschen muss sich in den Strukturen der Gerechtigkeit widerspiegeln. Es ist notwendig, dass die Gerechtigkeit in den gesellschaftlichen Strukturen vorhanden ist. Wenn wir Strukturen haben, die die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander treíben, dann sind wir von der Gerechtigkeit in unserer Wirtschaft und Gesellschaft noch weit entfernt. Leider gibt es sogar Bestrebungen die Menschen ihrer Grundrechte zu berauben. Wir haben 20 Jahre des Mauerfalls in Berlin gefeiert. Die Menschen in vielen europäischen Ländern wurden zwar im Jahr 1989 von einer Verbrecherischen Diktatur befreit, aber das besagt noch nicht, dass wir heute in den europäischen Ländern gerechte Zustände haben.
Beim Kongress wurde auch immer wieder auf die Würde des Menschen hingewiesen. Schon Emmanuel Kant sagt: „die menschliche Würde kann durch nichts ersetzt werden". Die Würde gehört einfach zum Menschen dazu. Nur über die Würde kann auch die menschliche Freiheit verstanden werden. Papst Benedikt XVI. hat auch in seiner Enzyklika „Caritas in Veritate" gerade der Würde des Menschen einen großen Beitrag geschenkt. Für den Christen hat die Würde des Menschen noch eine besondere Bedeutung, weil wir uns bewusst sind, dass alle Menschen Kinder des einen Vaters im Himmel sind und er möchte, dass es allen gut geht.
Es wurde festgestellt, dass die Menschen in Europa immer stärker zu Individualisten werden und dass die Solidarität abnimmt. Wir brauchen aber mehr denn je eine Mentalität der Solidarität in unserer Gesellschaft. Wir brauchen die Soziale, gesellschaftliche Liebe. Ein Ausdruck von Solidarität ist auch die Subsidiarität. Subsidiarität heißt, dass was in kleinen Gemeinschaften erledigt werden kann, nicht unbedingt den größeren übergeordneten Gemeinschaften übertragen werden soll. Das gilt sowohl für die Europäische Union, aber auch für die Kirche. In der Kirche könnte vieles, was heute von Rom diktiert wird, an die kleineren Gemeinschaften abgegeben werden. Die Solidarität schließt natürlich auch mit ein, dass wir in der Kirche ankämpfen sollen gegen jegliche Ausländerfeindlichkeit. Bei der Migration spielt im heutigen Europa oft auch die Angst eine bedeutende Rolle. Die Ängste der Menschen sollen wir natürlich immer ernst nehmen. Der bewusste Christ sollte aber auch fähig sein über seinen Schatten zu springen und bereit sein auch Opfer Im Sinn der Gastfreundschaft zu bringen. Der Frage, wer unser Nächster ist, können wir uns als Christen nie entziehen. Einen wichtigen Teil des Kongresses hat das Thema Familie eingenommen. Ich möchte nur einige Feststellungen oder Wünsche wiedergeben, die zum Bereich der Familie gesagt werden:
Die Familie ist in fast allen europäischen Ländern in einer Krise. Viele leben heute nur in informellen Beziehungen verfallen größtenteils nach 5 Jahren. Auch die Ehen sind in Europa sind sehr brüchig geworden. Ein Phänomen, das die Familien in Europa belastet, sind die hohen Wohnungsmieten. Die hohen Mieten führen dazu, dass die Eltern sehr lange arbeiten müssen und daraus entstehen Erziehungsprobleme. Viele junge Menschen fragen sich warum sie überhaupt eine Familie gründen sollen. Die Rechte der Familien werden in der neuen Charta der Europäischen Union überhaupt nicht erwähnt. Auch die informelle Arbeit der Frau wird von den europäischen Politikern nicht wahrgenommen. Die Politik sollte es ermöglichen, dass alle Menschen eine Familie gründen können. Die Mütter sollten bei der Kindererziehung unterstützt werden und es sollte auch mehr Beratungsmöglichkeiten für die Familie geben.
Natürlich musste bei diesem Sozial-Kongress der europäischen Kirche ein besonderer Blick auch auf die aktuelle Wirtschaftskrise gerichtet werden. Europa ist gefährdet durch einen sozialen Dualismus. Die Armut steigt in Europa. Die marktwirtschaftlichen Prinzipien sollten nicht mehr für alles eine Anwendung finden. Bereiche, die Dienst am gesamten Volk sind, sollen verstaatlicht bleiben und nicht privatisiert werden. Es bedarf auch einer viel stärkeren staatlichen Kontrolle des Marktmechanismus. Die großen Herausforderungen sind heute alle von globaler Bedeutung. Der Markt zerstört sich selbst, wenn er nicht Regeln hat. Wir brauchen heute einen internationalen Ordnungsrahmen einer sozialen Marktwirtschaft. Die europäische Politik darf nicht nur Binnenmarktpolitik sein. Wir dürfen die Welt nicht einfach dem Markt überlassen. Der Markt muss gebändigt werden. Viele Werte werden heute auf die Müllhalde eines übertriebenen Liberalismus gekippt. Arbeitsplätze bilden und erhalten muss heute ein großes Anliegen der europäischen Wirtschaft und Politik sein. Die Entwicklung muss eine nachhaltige Entwicklung sein. Auch die nächsten Generationen sollen auf unserem Planeten noch gut leben können. Es müssen die sozialen Ungerechtigkeiten beseitigt werden und eine neue Form der Gerechtigkeit herbeigeführt werden. Die Wirtschaft ist nicht das Ziel, sondern nur ein Instrument. Das Ziel muss der Mensch bleiben. Es sind nicht unbedingt neue Erkenntnisse die bei diesem Kongress zur Sprache kamen. Die Grundsätze und Markierungen für ein soziales Europa und eine soziale und gerechte Welt sind im Evangelium und in der katholischen Soziallehre schon grundgelegt. Diese Grundsätze wurden aber in Verbindung gebracht mit der konkreten Wirklichkeit von heute. Der Kongress machte auch sichtbar, dass die soziale Botschaft ein Wesenselement der kirchlichen Verkündigung sein muss, wenn wir die Botschaft von Jesus nicht verraten wollen.
